Geschichte der Sammlung Karl Braun
Im Rahmen eines vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste finanzierten Projekts erforschen die Museen Stade seit Mai 2022 in Kooperation mit dem National Institute for Medical Research (NIMR) die Provenienzen von über 600 Sammlungsobjekten aus dem heutigen Tansania. Zu dem Bestand zählen unter anderem Schmuck, Haushaltsgegenstände, Werkzeuge und Instrumente. Der Botaniker Karl Braun (1870–1935) hatte sich diese während seiner Tätigkeit für das Kaiserlich Biologisch Landwirtschaftliche Amani Institut (kurz: Amani Institut) in der ehemaligen Kolonie „Deutsch-Ostafrika“ von 1904 bis 1920 zumeist käuflich angeeignet und nach Deutschland ausgeführt.
Im Anschluss an seinen Kolonialdienst wurde Braun Leiter der Biologischen Reichsanstalt für Land- und Forstwirtschaft Zweigstelle Stade und überließ ein Jahr vor seinem Tod die sogenannte „Kolonialsammlung Braun“ der Stadt. Von einer Ausstellung im Jahr 1942 abgesehen, blieben die Objekte jahrzehntelang unbeachtet. Erst bei Sanierungsarbeiten im Jahr 2014 wurden sie auf dem Dachboden des Museum Schwedenspeicher in zwei Seekisten und einem Koffer verpackt vorgefunden. Im Zuge eines Restaurierungsprojekt im Jahr 2016 wurden die Objekte erstmals inventarisiert und in einer internen Datenbank erfasst.
Die Ergebnisse der laufenden Provenienzforschung werden kontinuierlich in der Online-Sammlung auf Swahili, Englisch und Deutsch ausgespielt, um sie einer Tansanischen, Deutschen und internationalen Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Die Objektinformationen werden einerseits durch die Auswertung historischer Quellen und andererseits durch Feldforschung in Tansania gewonnen: Umfangreiche Aufzeichnungen Karl Brauns in Deutschen und Schweizer Archiven bieten hierfür eine breite historische Quellenlage. Dabei ist davon auszugehen, dass die von Karl Braun überlieferten Informationen koloniales Gedankengut transportieren, falsch sein können und sein Interesse als Botaniker im Auftrag des Reichskolonialamtes widerspiegeln. In der Online-Sammlung werden diese Quellen kenntlich gemacht und um eine zeitgenössische, tansanische Perspektive ergänzt.
Sensible Inhalte
Bei dem Forschungsmaterial, mit dem wir arbeiten, handelt es sich in erster Linie um kolonialzeitliche, schriftliche Quellen. Zitate, Buchtitel, Ausstellungstitel und anderes Material enthalten Wörter, Begriffe und Phrasen, die falsch, ungenau, abwertend und/oder verletzend für Menschen und Gemeinschaften aus Tansania und ihrer Diaspora sind. Wir sind uns bewusst, dass das Quellenmaterial physische und psychische Probleme verursachen und starke Emotionen hervorrufen kann. Das Material gibt nicht die Meinung unseres Forschungsteams wieder. Wir vertreten eine entschiedene antikoloniale und antirassistische Position und bekräftigen, dass wir die Perspektive von historisch marginalisierten und entrechteten Gemeinschaften in den Mittelpunkt stellen.