Namensnennung - Nicht kommerziell - Keine Bearbeitungen 4.0 International (CC BY-NC-ND 4.0)
Rechteinhaber: Städtisches Museum Göttingen
Chinesische Fahne aus Leinen, bemalt mit der Darstellung eines geflügelten Tigers in Frontalansicht
Allgemein
- Kategorie:
- Alltagskultur
- Datierung:
- 1900, um (histor. Plausiblität)
- Material / Technik:
- Farbe
Papier
Leinen
Baumwolle
bemalt
- Maße / Umfang:
- Breite: 139,5 cm
Länge: 133,5 cm
Inhalt
- Beschreibung:
- Chinesische Fahne aus Leinen, bemalt mit der Darstellung eines geflügelten Tigers in Frontalansicht. Der Tiger hat schwarze Steifen, blaue Augen, Schnurrhaare, ein breites Grinsen mit scharfen Zähnen. Er steht aufrecht auf den Hinterbeinen, die Vorderbeine sind ausgebreitet, dahinter sind zwei große (fledermausartige) Flügel mit deutlich sichtbaren Knochen. Die Flügelhaut ist mit lilanen Kreisen verziert. Statt einer Milchleiste hat der Tiger zwei menschenähnliche Brüste. Rechts (Seite prüfen) eine festere Schlaufe zum Befesitgen an einer Fahnenstange. Die übrigens Kanten mit ?? und stilisierten Wolken. An der linken Seite ist das Ende gerade abgerissen oder abgeschnitten worden.
An der Fahne ist ein Papierschild befestigt, auf dem steht teilw. gedruckt, teilw. handschriftlich: "No. 38 Inner (?) China Besitzer: Ernst Lehmann. Gegenstand 1 alte Boxerfahne (kaiserliche Tiger-Garde)". Es scheint zu um eine Beschriftung aus dem "Lehmann Museum" zu handeln.
Laut Aussagen der Familie Fütterer und der Beschriftung handelt es sich um eine Boxerfahne. Im Boxerkrieg 1900/1901 kämpften die Yihetuan (Verbände für Gerechtigkeit und Harmonie) zusammen mit dem chinesischen Kaiserreich gegen Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Russland, Japan, USA, Italien, Österreich-Ungarn. Die Yihetuan (aufgrund ihrer Ausbildung in Kampfkunst im Westen Boxer genannt) waren eine soziale Bewegung, die sich überwiegend aus Landarbeitern zusammensetzte. Eine einheitliche Fahne scheinen sie nicht gehabt zu haben. Das Symbol des geflügelten Tigers war in der Qing-Dynastie jedoch verbreitet, unter anderem als Symbol auf den Fahnen der kaiserlichen Armee. Auch wenn sich die Fahnen von dieser in der konkreten Ausführung deutlich unterscheiden, existieren große Ähnlichkeiten in der Darstellung. Auch auf den Tiger-Fahnen der Qing-Dynastie steht der Tiger auf den Hinterbeinen, die Flügel ähneln den von Fledermäusen und die Tigerdarstellungen sind von Wolken und Blitzen umgeben. Möglicherweise handelt es sich bei dieser Fahne um eine (in Material und Technik einfachere) Kopie der kaiserlichen Tiger-Fahnen. Sie kann zu der Angabe passen, es handle sich um eine Boxerfahne. Möglicherweise würde die Fahne von einem chinesischen Kämpfer im Boxerkrieg getragen, der mit der kaiserlichen Armee kämpfte, jedoch kein Mitglied der offiziellen Truppen war. Näheres zu "kaiserlichen Tiger-Garde" konnte bislang nicht gefunden werden.
Der Tiger steht in China für Mut und Tapferkeit. Im chinesischen klingt das Wort für Tiger (hu) ähnlich wie das Wort für "beschützen".
Hans Wilde kämpfte als Soldat im Boxerkrieg und schickte seinem Cousin Ernst Lehmann während seines Aufenthalts Objekte aus China. In seinen Briefen an Ernst Lehmann schreibt er, dass er in den Häusern der Chinesen teilw. Boxerfahnen gefunden hat (vgl.: 2023/261 Hans Wilde an Ernst Lehmann, 15.11.1900) und, dass nach einem Gefecht eine erobert wurde (ebd., Hans Wilde an Ernst Lehmann 30.04.1901). Er schreibt jedoch an keiner Stelle, dass es seinem Cousin eine derartige Fahne schicken würde (vgl. auch ebd. Hans Wilde an Ernst Lehmann, 17.03.1901). Das die Fahne von Hans Wilde stammt kann nicht nachgewiesen werden, bleibt jedoch wahrscheinlich.
Nachlass Ernst und Ewald Lehmann:
Ernst Lehmann kam 1887 als Offizier des 82er Regiments nach Göttingen, wechselte aber bald in den Ruhestand. Er war politisch und kulturell sehr aktiv, Angehöriger des Bürgervorsteherkollegiums, führendes Mitglied im Geschichtsverein, engagierter Kolonialpolitiker und ein passionierter Sammler vor allem von Militaria. Seine Sammlung ergänzte er durch die Korrespondenz mit seinem Sohn Ewald, der seit 1904 als Richter in der deutschen Kolonie Tsingtau wirkte, sowie durch die chinesischen Objekte, die Ewald Lehmann nach Deutschland schickte. Hinzu kamen die Korrespondenz mit Hans Wilde, einem entfernten Neffen, der 1901-1902 als Offizier des deutschen Expeditionskorps im Boxerkrieg eingesetzt war. Es ist nicht immer klar, welche Objekte in der heutigen Sammlung von Ewald Lehmann oder Hans Wilde aus China nach Deutschland geschickt worden sind.
Mit seiner sorgfältig geordneten Sammlung, zu der auch hunderte Postkarten unterschiedlicher Provenienz gehörten, begründete Ernst Lehmann eine Tradition, in der insbesondere die Tätigkeit von Ewald Lehmann in Tsingtau eine herausragende Rolle spielte. Diese Tradition wurde von seinen Nachkommen in der Familie Vollmar/Fütterer intensiv gepflegt. Insbesondere Heinz Fütterer und seine Frau Gisela sowie Barbara Mayer haben mit großem Engagement und viel Sachverstand den Nachlass geordnet, inhaltlich erschlossen, Korrespondenzen transkribiert und den Familienstammbaum erforscht.
Nach dem Tod von Ernst Lehmann verblieb seine Sammlung zunächst an seinem letzten Wohnort in Göttingen. In den folgenden Jahrzehnten gingen die Objekte im Zuge verschiedener Erbgänge über seine Tochter Margarete Vollmar und deren Sohn Wolf an seinen Urenkel Heinz Fütterer sowie an dessen Geschwister Barbara Meyer und Dieter Fütterer über. Die Kinder von Heinz Fütterer sowie Barbara Meyer und Dieter Fütterer übergaben im Laufe des Jahres 2023 eine Auswahl der Sammlungsobjekte von Ernst Lehmann und - nahezu vollständig - die Objekte und Korrespondenzen mit Chinabezug aus dem Nachlass von Ewald Lehmann dem Städtischen Museum. Die Korrespondenzen, Zeitungsausschnitte und Münzen mit Bezug auf den Kriegsdienst von Hans Wilde in China waren von Barbara Meyer an dessen Nachkommen Börries Butenop gegeben worden, der daraus eine Dokumentation erarbeitete. Börries Butenop überließ diese Unterlagen 2023 ebenfalls dem Städtischen Museum.
Johannes „Hans“ Gustav Leo Wilde, geb. am 16.01.1875 in Nelep, verstorben am 07.10.1914 in Maucourt (Frankreich), Sohn des Otto Gustav Wilde, Pastor in Nelep, und der Martha Elise Hermine Cäcilie Voigt. Wilde besuchte das Gymnasium in Köslin bis 1893. 1894 trat er als Offiziersanwärter in in das 2. Kurhessische Infanterie-Regiment Nr. 82 in Göttingen ein. 1895 Beförderung zum Leutnant. Von 1900 bis 1902 nahm er an der China-Expedition („Boxeraufstand“) teil. Während dieser Zeit schrieb er mehrere Briefe an Familienmitglieder in Deutschland. Nach seiner Rückkehr diente er im 3. Westfälischen Infanterie-Regiment „Freiherr von Sparr“ Nr. 16 in Mühlheim/Rhein, dort Beförderung zum Oberleutnant. Am 26.09.1903 heiratete er Sophie Luise Bennecke. 1906 war er Lehrer an der Infanterie-Schießschule in Berlin-Spandau. 1911 folgt die Beförderung zum Hauptmann und Dienst im 4. Westfälischen Infanterie-Regiment „Graf Barfuß“ Nr. 17 in Mörchingen/Lothringen. 1912 arbeitete er als Lehrer an der Escuela Superior de Guerra in Buenos Aires/Argentinien.
English version:
Chinese flag made of linen, painted with a frontal view of a winged tiger. The tiger has black stripes, blue eyes, whiskers, and a wide grin with sharp teeth. It stands upright on its hind legs, its front legs spread out, behind it are two large (bat-like) wings with clearly visible bones. The wing skin is decorated with purple circles. Instead of a milk line, the tiger has two human-like breasts. On the right (check side) is a sturdy loop for attaching to a flagpole. The edges are decorated with ?? and stylized clouds. The end on the left side has been torn off or cut off.
Attached to the flag is a paper label, partly printed and partly handwritten, which reads: “No. 38 Inner (?) China Owner: Ernst Lehmann. Item 1 old Boxer flag (imperial tiger guard)”. It appears to be a label from the “Lehmann Museum”.
According to statements by the Fütterer family and the inscription, this is a Boxer flag. In the Boxer Rebellion of 1900/1901, the Yihetuan (Associations for Justice and Harmony) fought alongside the Chinese Empire against Germany, Great Britain, France, Russia, Japan, the USA, Italy, and Austria-Hungary. The Yihetuan (called Boxers in the West because of their martial arts training) were a social movement composed mainly of agricultural workers. They do not appear to have had a uniform flag. However, the symbol of the winged tiger was widespread in the Qing dynasty, including as a symbol on the flags of the imperial army. Even though the flags differ significantly from this in their specific design, there are great similarities in their depiction. On the tiger flags of the Qing dynasty, the tiger also stands on its hind legs, the wings resemble those of bats, and the tiger depictions are surrounded by clouds and lightning. This flag may be a copy (simpler in material and technique) of the imperial tiger flags. It may fit with the claim that it is a Boxer flag. The flag may have been carried by a Chinese fighter in the Boxer War who fought with the imperial army but was not a member of the official troops. No further details on the “imperial tiger guard” have been found to date.
In China, the tiger symbolizes courage and bravery. In Chinese, the word for tiger (hu) sounds similar to the word for “protect.”
Hans Wilde fought as a soldier in the Boxer Rebellion and sent objects from China to his cousin Ernst Lehmann during his stay. In his letters to Ernst Lehmann, he writes that he found some boxer flags in Chinese homes (cf.: 2023/261 Hans Wilde to Ernst Lehmann, November 15, 1900) and that after a battle, one was captured. However, he never writes that he would send his cousin such a flag (cf. also ibid. Hans Wilde to Ernst Lehmann, March 17, 1901). It cannot be proven that the flag came from Hans Wilde, but it remains likely.
Estate of Ernst and Ewald Lehmann
Ernst Lehmann came to Göttingen in 1887 as an officer in the 82nd Regiment, but soon retired. He was very active politically and culturally, a member of the Bürgervorsteherkollegium (council of citizens), a leading member of the historical society, a committed colonial politician, and a passionate collector, especially of militaria. He added to his collection through correspondence with his son Ewald, who had been working as a judge in the German colony of Tsingtau since 1904, as well as through Chinese objects that Ewald Lehmann sent to Germany. Added to this was correspondence with Hans Wilde, a distant nephew who served as an officer in the German Expeditionary Corps in the Boxer Rebellion from 1901 to 1902. It is not always clear which objects in today's collection were sent from China to Germany by Ewald Lehmann or Hans Wilde.
With his carefully organized collection, which also included hundreds of postcards from various sources, Ernst Lehmann established a tradition in which Ewald Lehmann's work in Tsingtau played a particularly prominent role. This tradition was intensively cultivated by his descendants in the Vollmar/Fütterer family. Heinz Fütterer and his wife Gisela, as well as Barbara Meyer, in particular, showed great commitment and expertise in organizing the estate, cataloging its contents, transcribing correspondence, and researching the family tree.
After Ernst Lehmann's death, his collection initially remained at his last place of residence in Göttingen. In the following decades, the objects were passed on through various inheritances via his daughter Margarete Vollmar and her son Wolf, to his great-grandson Heinz Fütterer and his siblings Barbara Meyer and Dieter Fütterer. In the course of 2023, the children of Heinz Fütterer, Barbara Meyer, and Dieter Fütterer handed over a selection of Ernst Lehmann's collection objects and – almost in their entirety – the objects and correspondence relating to China from Ewald Lehmann's estate to the Municipal Museum. The correspondence, newspaper clippings, and coins relating to Hans Wilde's military service in China had been given by Barbara Meyer to his descendant Börries Butenop, who compiled them into a documentary. Börries Butenop also donated these documents to the Municipal Museum in 2023.
Johannes “Hans” Gustav Leo Wilde, born on January 16, 1875, in Nelep, died on October 7, 1914, in Maucourt (France), son of Otto Gustav Wilde, pastor in Nelep, and Martha Elise Hermine Cäcilie Voigt. Wilde attended high school in Köslin until 1893. In 1894, he joined the 2nd Kurhessian Infantry Regiment No. 82 in Göttingen as an officer cadet. In 1895, he was promoted to second lieutenant. From 1900 to 1902, he took part in the China Expedition (“Boxer Rebellion”). During this time, he wrote several letters to family members in Germany. After his return, he served in the 3rd Westphalian Infantry Regiment “Freiherr von Sparr” No. 16 in Mühlheim/Rhine, where he was promoted to first lieutenant. On September 26, 1903, he married Sophie Luise Bennecke. In 1906, he was a teacher at the Infantry Shooting School in Berlin-Spandau. In 1911, he was promoted to captain and served in the 4th Westphalian Infantry Regiment “Graf Barfuß” No. 17 in Mörchingen/Lorraine. In 1912, he worked as a teacher at the Escuela Superior de Guerra in Buenos Aires, Argentina.
(Städtisches Museum Göttingen)
Gebrauchsort:
Qingdao
Literatur in Zusammenhang:
Vgl: https://www.crwflags.com/fotw/flags/cn%5Eboxer.html; https://www.dreweatts.com/news-videos/chinese-art-tigers/; https://www.britishmuseum.org/blog/chinas-talismanic-tigers
- Schlagwort:
- Kolonialkrieg
Boxer
Kolonialismus
Tiger
Fahne
Siegel, Orden, Zeichen, Fahne > Fahne
Öffentlichkeit und Gemeinwesen
Weitere Informationen
Administrative Daten
- Link zur Seite:
- https://ku-ni.de/record_kuniweb_2648253
- Lizenz der Metadaten:
- kein Copyright / Public domain (CC0 1.0)
- Lizenz der Digitalisate:
- Namensnennung - Nicht kommerziell - Keine Bearbeitungen 4.0 International (CC BY-NC-ND 4.0)