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TI - Vierte Klasse II
AB - Max Beckmann wurde 1884 in Leipzig geboren und kam als Elfjähriger nach Braunschweig. Über sich selbst schrieb er: „Ich bin in Leipzig geboren, doch stamme ich nicht aus Sachsen, sondern aus Braunschweig“. Über seinen Geburtsort schrieb er wiederum: „Ich betrachte diesen Geburtsort allerdings nicht als meinen wesentlichen. Da meine beiden Eltern aus Braunschweig (woher die besonders gut renommirten Würste und Conserven kamen) stammen, da meine Geschwister dort geboren sind und wir auch bald nach meiner Geburt dorthin zurückkehrten.“
Die 1913 geschaffene Kaltnadelradierung „Vierte Klasse II“ zeigt ein Abteil, in dem auf engstem Raum zahlreiche Menschen versammelt sind. Ihre Blicke sind nicht genau zu erkennen, oder scheinen ins Leere zu gehen. Es ist die Anonymität und Isolation in einer Menschenmenge, die Beckmann in dieser Radierung besonders herausarbeitet. Zutage tritt eine völlige Beziehungslosigkeit. Selbst in vermeintlich äußerster Nähe haben die in diesem Abteil sitzenden Menschen nichts miteinander zu tun. Auf engstem Raum hat Beckmann diese Atmosphäre in einer kleinformatigen Radierung transportiert. Im Zentrum des Blattes sind zwei Frauen und ein Mann mit Hut zu erkennen. Zu seinen Füßen liegt ein kleiner Hund, der sich genauso wenig um seine Umgebung kümmert wie die menschlichen „Solipsisten“. Es ist die Einsamkeit des Menschen in der Gesellschaft, die in diesem Blatt besonders zum Ausdruck kommt und die vor allem auch für Beckmanns eigenes Leben ein immer wiederkehrendes Thema blieb.
Max Beckmann verkörpert eine extrem vielschichtige, schillernde und hochkomplexe Künstlerpersönlichkeit des 20. Jahrhunderts, das er wie durch ein Brennglas gebündelt in sich und seinem Werk zu vereinen scheint: Er gilt als kritischer und genauer Chronist der Geschehnisse des Ersten Weltkriegs, die er schonungslos in seinen Radierungen aufs Papier brachte. 1914 arbeitet er als freiwilliger Krankenpfleger in Ostpreußen nahe der Front und meldet sich 1915 als Sanitätssoldat in Belgien. Seine Arbeitsplätze sind ein Operationssaal in Courtrai (Kortrijk) und ein Feldlazarett in Wervik. Während dieser Zeit reist er nach Brüssel, Gent und Ostende, um Erich Heckel zu treffen.
Im Sommer 1915 erleidet er einen körperlichen und seelischen Zusammenbruch und wird beurlaubt. Er reist zu seinen Frankfurter Freunden, dem Ehepaar Friedel und Ugi Battenberg.
Beckmann ist aber auch ein genialer Porträtist, der es vermag, mit gezielten Pinselstrichen seine Mitmenschen zu charakterisieren. Besonders in seinen Radierungen widmet er sich dem Motiv des Menschen in der Gesellschaft und der Darstellung von Paarbeziehungen, wie etwa in den 1922 entstandenen Arbeiten „Fastnacht“ oder „Der Zeichner in Gesellschaft". (Lars Berg)
Aufschrift:
Signiert, unten rechts, mit Bleistift: „Beckmann“
Veröffentlicht in:
Von Rembrandt bis Baselitz. Meisterwerke der Druckgraphik aus der Sammlung des Städtischen Museums Braunschweig, hrsg. v. Lars Berg und Peter Joch, Petersberg 2020, S. 128, Kat.-Nr. 37; S. 129 (Abb.).
Beschrieben in:
J. Hofmaier, „Max Beckmann : catalogue raisonné of his prints“. Galerie Kornfeld, Bern, 1990. (Kat.-Nr. 58 II A oder C.)
Veröffentlicht in:
R. Schmücking, „Neuerwerbungen der Stadt Braunschweig Graphik ; Ausstellung im Kunstverein Braunschweig vom 4. Mai - 17. Juni 1966 ; [Ausstellungskatalog]“. Kunstverein, Braunschweig, 1966. (Kat. Nr. 11.)
Beschrieben in:
„Max Beckmann ; Von Curt Glaser [u.a.] Mit 1 Radierung, 52 Lichtdr., 16 Textbildern“. R. Piper, München, 1924. (Kat.-Nr. 40.)
Beschrieben in:
„Max Beckmann ; Badischer Kunstverein Karlsruhe. 27. Aug. bis 4. Nov. 1962 ; Die Druckgraphik. Radierungen, Lithographien, Holzschnitte. (Kat. Bearb.: Klaus Gallwitz.) [Ausstellungskat.]“. Karlsruhe, 1962. (Kat.-Nr. 40.)
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