TY - GEN SP - 4 TI - Tafelaufsatz für Pessachfest AB - Tafelaufsatz für das jüdische Pessachfest. Das Gerät besteht aus Blech, steht auf vier Kugelfüßen und hat eine ovale Grundform. Es ist auf einer Seite offen und hat im Inneren vier horizontale Stangen, die zwei regalartige Ebenen bilden. Evtl. lagen hier Böden auf, die heute fehlen. Über der rechteckigen Öffnung sind drei Haken angebracht, die einen heute ebenfalls fehlenden Vorhang zum Verdecken der Öffnung hielten. Auf der Oberseite hat das Gerät fünf regelmäßig verteilte, runde Öffnungen: eine große im Zentrum, darum vier kleinere verteilt. Diese dienten dem Hineinstellen von Schälchen mit den rituellen Speisen für das Pessach-Fest. Umgeben ist die Oberseite mit einem durchbrochenen Geländer, ebenfalls aus Blech. Das ganze Gerät ist schwarz lackiert; auf diesem Grund sind intensiv farbige Malereien von heimischen Blumen, Blättern und Gräsern, in etwa dem Stil der Deutschen Blumen entsprechend, aufgetragen. Auf der der Öffnung der gegenüberliegenden Seite sind in goldgelb schimmernden hebräischen Buchstaben (aschkenasische Quadratschrift) mnemotische Stichworte für den rituellen Ablauf des Pessach Seders (hebr. Seder, "Ordnung"), i.e. des rituellen Mahls, aufgetragen:

1.Kadesch קדש (Rezitation von Kiddusch, d.h. dem Segensspruch, und der erste Becher Wein)
2.Urchatz ורחץ (Waschen der Hände)
3.Karpas כרפס (Vorspeise, das Karpas - "Erdfrucht", d.h. Kartoffel oder Zwiebel - wird in Salzwasser getaucht und gegessen)
4.Jachatz יחץ (Brechen der Matze) und Verstecken des Afikomans, eines Matzenstücks für die Kinder
5.Magid מגיד (Nacherzählung des Auszuges aus Ägypten; die Kinder fragen: „Weshalb ist dieser Abend anders als alle anderen?“, die vier Fragen: „Weshalb das Eintauchen? Warum nur Matze? Wozu die bitteren Kräuter? Warum entspannen wir uns und essen auf der linken Seite wie die Könige?“ und der zweite Becher Wein)
6.Rochtzo (רחצ(ה (Waschen der Hände) und sprechen der Bracha (Segen)
7.Mozie מוציא, (Segen über das Brot)
8.Mazza מצה (Verzehr der Matze)
9.Maror מרור (bittere Kräuter werden mit Charosset, einem süßen Brei, gegessen)
9.Korech כ(ו)רך (die Matze werden mit Maror und Charosset gegessen)
10.Schulchan Orech שולחן ע(ו)רך (festliches Mahl)
11.Zafun צפון (der Afikoman wird von den Kindern aus dem Versteck zurückgebracht und gegessen)
12.Bairach (ב(רך (Der dritte Becher Wein als Dank nach dem Mahl, öffnen der Haustür und rezitieren der Passage, die den Propheten Elias einlädt in Vorwegnahme der bevorstehenden Erlösung zu erscheinen)
13.Hallel (ה(לל (Preisung und der vierte Becher Wein)
14.Nirza (נ(ירצה (Annahme)

Im Inneren des Tafelaufsatzes wurden die Matzen aufbewahrt, obendrauf standen Schälchen mit karpas/chaseret (Petersilie, Kartoffel o.ä., steht für Erde bzw. die harte Sklavenarbeit der Hebräer), maror (etwas "Bitteres", z.B. Meerrettich, steht für Bitterkeit der Sklaverei), charosset (süßer Brei aus Äpfeln, Datteln, Zimt o.ä., steht für den Lehm, aus dem die Sklaven Ziegeln formen mussten), beitzah (ein hartgekochtes Ei, steht für Zerbrechlickeit des menschlichen Lebens und für die gleichzeitige Hoffnungen) und seroa (Lammknochen, steht für das Lammopfer im Tempel). Meist steht auch ein Schälchen Salzwasser oder Essig (Tränen und Schweiß) bereit, in das einige Speisen vor dem Verzehr getaucht werden.
Ablauf des Festes sowie Auswahl und Symbolgehalt der Speisen variiert je nach Region, Epoche und Ausrichtung des der jüdischen Gruppen. Immer geht es jedoch um die Erinnerung und den symbolischen Nachvollzug der Befreiung aus der Unterdrückung. Lebendig wird die Geschichte durch die Lesung der haggadah, einem Kompendium aus biblischen Erzählungen, Gebeten und Segenssprüchen. Die haggadah entstand im 2. Jh. n. Chr. Auch das Seder-Mahl hat in der Zeit seinen Ursprung und lehnt sich, nach der Sicht einiger Kulturwissenschaftler, an das griechische Symposion an. Die Weisung, "den Söhnen" von der Befreiung aus der Sklaverei zu erzählen, ist allerdings schon in der Bibel festgehalten.
(Städtisches Museum Göttingen)

Beschrieben in:
Bruno Crome, Führer durch die Altertumssammlung, Göttingen 1919, S. 18; Nr. 103. - Konrad Schilling, Monumenta Judaica, Köln 1964, Kat.Nr. E 542. - Waldemar Röhrbein, Jüdisches Kultgerät, Göttingen 1968, S. 23, Nr. 51. - Zvi Sofer, Jüdisches Jahr, jüdischer Brauch. Münster 1972, Kat.Nr. 51. - Waldemar Röhrbein, 700 Jahre Juden in Südniedersachsen, Göttingen 1973, S. 116-117, Nr. 388. CN - record_kuniweb_2664867 ER -